Warum ich Leder verarbeite...
… und darin keinen Widerspruch zu Tierliebe und meinen Werten sehe
Natur und Umwelt, Gerechtigkeit und das Einstehen für meine Werte liegen mir privat wie auch im beruflichen Alltag am Herzen. Ich ernähre mich überwiegend vegetarisch und würde – obwohl ich keine Veganerin bin – viele tierische Produkte weder kaufen noch konsumieren. Trotzdem verarbeite ich teilweise auch Leder... da mag sich mancher die Frage stellen: Wie verträgt sich das mit Tierliebe und Nachhaltigkeit?
Tatsächlich kenne ich zahlreiche Kollegen, die obwohl sie mit Leder arbeiten, kein Fleisch essen. Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, und ganz oft liegen dieser Entscheidung ähnliche Beweggründe wie bei mir zugrunde.
Während ich jederzeit respektiere und anerkenne, wenn Menschen sich entscheiden, nicht nur konsequent auf Fleisch, sondern auch auf Leder zu verzichten, finde ich es bedenklich, wenn Organisationen oder Influencer, die einen veganen Standpunkt vertreten, solche und vergleichbare Ziel mittels grob verallgemeinernder Halbwahrheiten propagieren. Es ist mir deshalb ein Anliegen, hier auf einige der eklatantesten Fehlinformationen kurz einzugehen.
Ich wünsche mir sehr, dass sich sowohl der Fleischkonsum als auch der Verzehr tierischer Produkte insgesamt in den nächsten Jahren reduzieren. Speziell die Massentierhaltung muss ein Ende haben.
Leider zeigen aktuelle Statistiken eine andere Realität: Sowohl der weltweite als auch der deutsche Fleischverzehr hat, nachdem er zunächst leicht gesunken war, 2024 wieder deutlich zugenommen. Laut einer Prognose der Heinrich Böll Stiftung wird der Fleischkonsum aufgrund steigender Bevölkerungszahlen und Einkommen wohl auch in den nächsten Jahren erst einmal weiter wachsen.
Womit wir beim in den Medien häufig diskutierten Kernthema sind: dem Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Leder.
Eine der im Internet wohl am häufigsten diskutierten Thematiken, wenn es um die Verwendung von Leder geht, ist die Frage, wie groß der Anteil von Leder am Tierleid ist. Damit die Antwort möglichst gut den eigenen Standpunkt unterstreicht, wird die Wahrheit dann hin und wieder so lange gedehnt und gebogen, bis es passt. Tatsache ist: Ja, die Verwendung von Leder wäre unmöglich, wäre nicht zunächst ein Tier gestorben. Tatsache ist aber auch: Solange Menschen Fleisch essen, sterben zwangsläufig Tiere – und es fallen in der Folge Tierhäute an.
Auch wenn gerne anderes behauptet wird, ist das Leder unserer Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe tatsächlich trauriges Nebenprodukt ihrer Schlachtung. Wer behauptet, dass Tiere bei uns in erster Linie für ihr Leder sterben, der soll doch bitte einmal darlegen wo genau? Ganz bestimmt gibt es Länder, in denen Tiere für ihre exotischen Felle und Häute gezüchtet werden – doch auf den deutschen oder europäischen Markt, in dem Nutztiere primär für ihr Fleisch und ihre Milch gehalten werden, trifft das sicher nicht zu.
Wenn man solche teils fragwürdigen Aussagen einmal tiefergehend recherchiert, merkt man schnell, dass da häufig in sich bereits nicht schlüssige Artikel einfach immer weiter verbreitet werden, ohne jemals auf Kontext und Wahrheitsgehalt geprüft worden zu sein.
Fakt ist aber: Gewinne werden in der Schlachtung immer noch primär mit Fleisch erzielt, nicht mit Leder.
Die immer wieder auftauchende Behauptung, Erzeuger verdienten mit Tierhäuten inzwischen soviel Geld, dass Tiere oft nur für ihr Leder getötet würden, ist völlig unsinnig. Selbst die Peta gibt letztlich zu, dass der durch Tierhäute erzielte Anteil am Gesamtgewinn der Schlachtindustrie vielleicht fünf bis fünfzehn Prozent beträgt.
Das große Geld wird weder in der kommerziellen Nutztierhaltung noch in den Schlachthäusern gemacht. Die häufig zitierten Milliardengewinne machen allein die großen Modekonzerne. Lässt die Nachfrage nach Leder nach, stellt das die Modeindustrie zwar kurz vor Herausforderungen, betrifft die Fleischindustrie aber praktisch nicht. Fallen die Umsätze aus Tierhäuten weg, werden die fehlenden Einnahmen einfach auf das Fleisch umgelegt.
Was passiert mit den Tierhäuten bei sinkender Nachfrage nach Leder? Die traurige Wahrheit: Nutztiere werden zu Müll degradiert.
Was passiert nun, wenn die Nachfrage nach Leder schneller sinkt als die nach Fleisch? Die zutiefst zynische, unbequeme und gern geleugnete Wahrheit ist: Steigen immer mehr Konsumenten von Echtlederartikeln auf vegane Alternativen um, führt dies in einer Gesellschaft, die sich noch immer primär fleischbasiert ernährt, NICHT dazu, dass weniger Tiere geschlachtet werden. Stattdessen werden ihre Häute vom sinnvoll verwertbaren Nebenprodukt zum sinnlos entsorgten Abfallprodukt.
Was sich nicht verkaufen lässt, wird mit den restlichen Schlachtabfällen verbrannt. Die New York Times zitierte bereits 2021 den Bericht einer Handelsgruppe für Leder, die konkrete Zahlen veröffentlicht hatte. Im Jahr 2020 landeten allein in den USA fünf Millionen Tierhäute – gut 15 Prozent sämtlicher anfallenden Häute – aufgrund des zunehmenden Marktanteils von Kunstleder und der abnehmenden Nachfrage nach Echtleder auf dem Müll. Und das, während der Fleischhandel Rekordumsätze erzielte, der Anteil an geschlachteten Tiere also alles andere als abnahm.
Vergleichbar sieht es in Deutschland mit Schaffellen aus. Da der Marktanteil von Kunstpelz und Mikrofaser immer mehr zunimmt, ist die Verarbeitung echter Felle längst nicht mehr wirtschaftlich, so dass diese häufig gleich bei der Schlachtung deponiert und letztlich verbrannt werden. Nur: Die Schafe und Lämmer rettet das leider nicht, denn Lammfleisch verkauft sich trotz steigender Preise gut.
Tierliebe verpflichtet: Zu Wertschätzung und einem achtsamen Umgang mit Ressourcen
Muss die Tierquälerei, die im Kontext der industriellen Fleischgewinnung stattfindet, ein Ende haben? Ja! ... Muss die grausame Massentierhaltung mit ihren brutalen Schlachtmethoden ein Ende haben? Ja! Doch der Weg dorthin führt nicht über die generelle Verweigerung der Sekundärprodukte, er muss bei den Primärprodukten ansetzen. Alles andere führt zur kritischen Frage nach Sinn und Verwertung nicht mehr nachgefragter und somit nutzlos gemachter Tierbestandteile.
Als Natur- und Tierfreundin empfinde ich den Tod eines Tieres moralisch und ethisch als umso sinnloser und entwürdigender, je größer der Anteil dessen, was nach seinem Tod als "wertlos" entsorgt wird. Anfallende Tierhäute zu verwerten ist deutlich wertschätzender und klar nachhaltiger als sie zu verbrennen, denn über das entstandene Tierleid hinaus verursacht die sogenannte thermische Entsorgung mit ihren Emissionen und Treibhausgasen zusätzliche Probleme für Klima und Umwelt.
Statt in Kauf zu nehmen, dass tierische Rohstoffe aus falsch verstandener Tierliebe vernichtet werden, sollten wir alles tun, um sie möglichst lange im Wertstoffkreislauf zu erhalten.
Das gemeinsame Ziel muss die deutliche Reduktion des Fleischkonsums sein, nicht der vorschnelle, wenig nachhaltige Verzicht auf Leder. Nur so lässt sich erreichen, dass langfristig weniger Tiere für ihr Fleisch gezüchtet und geschlachtet werden. Hier sind Politik, Interessenverbände und nicht zuletzt jeder Einzelne von uns gefragt. Zum Glück findet bereits ein Umdenken statt, denn speziell unter jüngeren Menschen nimmt die Anzahl an Vegetariern und Veganern zu, so dass bei zukünftig sinkender Nachfrage nach Fleisch auch die anfallenden Tierhäute irgendwann immer weniger werden.
Ich persönlich hoffe sehr, das die Industrie bis dahin alltagstauglichere (und besonders umweltverträglichere!) Alternativen zu Echtleder entwickelt und etabliert hat. Das, was derzeit an veganen Lösungen am Markt erhältlich ist, ist entweder nicht in der Lage, echtes Leder von der Haltbarkeit und Funktionalität her nachhaltig zu ersetzen, oder es ist aufgrund der mineralöllastigen Herstellung keine umweltgerechte Option. (Falls dich meine bisherigen Erfahrungen mit veganen Lederalternativen interessieren, findest du in Kürze hier den Bericht, deshalb schau gerne noch einmal vorbei!)
Fazit: An differenzierter Betrachtung führt kein Weg vorbei
Sowohl Gegner als auch Befürworter der Lederverwendung neigen bewusst oder unbewusst dazu, die Problematk im Kontext der eigenen Interessen zu vereinfachen. Doch das Thema Leder ist überaus komplex und kontrovers. Es erfordert die Bereitschaft, sich auf beiden Seiten offen und ehrlich mit den Fakten auseinanderzusetzen. Sich als Lederliebhaber auch die durchaus vorhandenen Nachteile der Lederproduktion und das damit im Normalfall verbundene Tierleid kritisch vor Augen zu halten. Nicht alles als Unfug abzutun, was tatsächlich gegen Leder spricht. Als Gegner der Lederverwendung auch einmal den sachlichen Argumenten der Menschen in den Gerbereien und kleinen, lederverarbeitenden Betrieben zuzuhören, und die Augen nicht kategorischer vor den durchaus vorhandenen Kehrseiten vieler veganer Alternativen zu verschließen.
Während man viel dafür tun kann, auf eine ethisch vertretbarere Lederproduktion hinzuarbeiten, macht das generelle Ablehnen von Leder in meinen Augen erst dann Sinn, wenn erreicht wurde, dass insgesamt weniger Fleisch gegessen und somit weniger Tiere geschlachtet werden. Bis dahin ist es – gerade mit Hinblick auf Tierliebe und Umweltbewusstsein – deutlich wertschätzender und nachhaltiger, das zwangsläufig anfallende Leder möglichst umweltschonend und unter minimalem Leid für Tier und Mensch zu gewinnen und verarbeiten. Wie das gehen soll? Auch dazu habe ich mir einige Gedanken gemacht und Fakten zusammengetragen, die ich gerne demnächst hier teilen werde.